Buchrezension.
Marina. Carlos Ruiz Zafón. 2012.

Als Óscar dem Mädchen Marina begegnet, schlägt sein Lebensweg eine neue Richtung ein. Denn Óscar verbringt viel Zeit mit Marina, die mit ihrem Vater in einer alten Villa, fernab der Moderne, wohnt. Zusammen beobachten die beiden eine unheimliche Dame in Schwarz und geraten so in mysteriöse Verkettungen, die immer weiter zunehmen. Sie erleben einen regelrechten Alptraum, der sie zu verschlingen droht.

Dieser Roman legte den Grundstein für die bekannte Reihe Der Friedhof der vergessenen Bücher, welche mich restlos begeistert hat. Bei Marina verhält sich das keineswegs anders. Hier begibt sich der Leser zum ersten Mal nach Barcelona. Damit wird ein Schauplatz etabliert, welcher sehr persönlich ist und sich auch für die Folgeromane des Autors bewährt hat.

Ich tue mich schwer mit Rezensionen zu Büchern, die mich restlos begeistert haben. Dies ist so ein Buch. Zafón versteht es, eine mystisch-düstere Atmosphäre zu erzeugen, die einen gleich von Beginn an richtig fesselt. Das Heraufbeschwören dieser eindringlichen Stimmung erreicht Zafón vor allem durch seinen unverwechselbar poetischen Schreibstil: „Langsam senkte sich die Dämmerung herab, und dieser Winkel kam mir etwas unheimlich vor, so von tödlicher Stille umgeben, in der nur die Brise eine wortlose Warnung vor sich hin murmelte.“ (14). Solche und andere Sätze sind es, die mich vollkommen in den Bann ziehen. Die Umgebung stellt sich mir sehr bildlich dar, sodass man sich als Leser selbst vor Ort wähnt. Auf diese Weise erzählt Zafón die dramatische Geschichte eines Jungen, der langsam erwachsen wird, der um sein Glück und seine Liebe kämpft. Der Autor schreibt selbst, dass Marina schwer einzuordnen ist. Der Roman ist genreübergreifend. Es ist eine dichte Handlung, gewoben aus Coming of Age, subtiler Liebesgeschichte, sogar Fantasy- und nicht zuletzt Horrorelementen.

Der Charakter Óscar war mir sofort sympathisch. Er ist ein bodenständiger Junge mit tollen Wertvorstellungen, zugleich mutig und gepackt von großer Abenteuerlust. Marina lässt sich als Person dagegen schwerer fassen. Zafón widmet sich ihr erzählerisch in gleichem Maße wie dem Jungen Óscar, doch bleiben Gedanken und Gefühle des Mädchens lange Zeit ein undurchdringliches Mysterium. Dieses augenscheinliche Rätsel um Marina macht die Geschichte zusätzlich spannend. Marinas Vater und die alte Villa sind kaum weniger mystisch, dennoch Wohlfühlort und scheinen eine ganz eigene Geschichte zu erzählen. Alles in allem hat Zafón diese und weitere Charaktere sehr schön gezeichnet. Nicht zuletzt ist es der Schreibstil, durch den die Einzigartigkeit seiner Figuren besonders hervor sticht.

Tatsächlich hatte ich die fantastischen Elemente im Buch weniger erwartet. Das hat mich überrascht, spielt doch Der Friedhof der vergessenen Bücher subtiler mit diesem Element und deutet Unerklärliches lediglich an, statt es klar zu umreißen. Hier merkt man, dass Zafón seinen Stil nach Marina weiter perfektioniert hat. Dem Lesespaß und der Spannung tut das jedoch keinen Abbruch.

Marina ist ein einzigartiger Roman, den ich guten Gewissens weiterempfehlen kann und der zugleich die schöpferische Entwicklung eines Autors wiederspiegelt. Zart besaitete sollten jedoch bedenken, dass die Horrorelemente einen wesentlichen Teil des Buches einnehmen.


buch_marina

Art: Taschenbuch

Erschienen: 14.11.2012

Umfang: 352 Seiten, 12,4 x 18,8 cm

ISBN: 978-3-596-18624-2

Preis: 9,99 € [D] | 10,30 € [A]

Verlag: Fischer

 

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