buch_ichmenschenBuchrezension.
Ich und die Menschen. Matt Haig. 2014. Originalausgabe 2013.

Eines nachts wandert Andrew Martin, Professor für Mathematik, nackt eine Autobahn entlang. Ein fremdes Wesen überlegener Intelligenz hat von ihm Besitz ergriffen. Dieser neue Andrew hat ein schlechtes Bild von den Menschen und soll den Fortschritt dieser Spezies zum Schutze aller aufhalten. Doch bei näherer Bekanntschaft zeigen sich auch positive menschliche Facetten. Kann eine Lebensform, die Erdnussbutter erfunden hat und Musik hört, wirklich so grundschlecht sein?

Der sehr persönliche Roman ist wie der Protagonist einem Wandel unterworfen. Denn während des Lesens verändert sich die Grundstimmung des Buches und spiegelt damit vor allem die Veränderung des Hauptcharakters wieder. Zu Beginn wenig spannungsgeladen, aber dafür besonders humoristisch, ist die Erzählweise gegen Ende sehr spannend und in gleichem Maße berührend.

Die Grundidee des Buches ist gar nicht neu. Die Annahme, der Mensch sei eine grundsätzlich schlechte Spezies, taucht auch in anderen Büchern oder Filmen auf. Es sind meist Außerirdische oder hochentwickelte Technologien, welche diese Annahmen äußern und die Menschheit mit allen Mitteln nicht nur vor sich selbst schützen wollen. Längst nicht jedes Mal, aber oft geraten in diesen Szenarien menschliche Individuen in Kontakt mit dieser andersartigen Lebensform. Letzterer wird dabei nicht selten die gute und fürsorgliche Seite der Menschheit vor Augen geführt. Trotz dieser bekannten Thematik, lohnt es sich sehr, das Buch zu lesen! Denn ein Aspekt ist neu: Kernpunkt des Romans, der diesen so besonders macht, ist die nichtmenschliche Perspektive, die wir als Leser einnehmen.

Der Mensch wird als etwas Fremdes dargestellt, dass es zu untersuchen gilt. Die banalsten Dinge werden dabei angesprochen. So findet der Protagonist es anfangs merkwürdig, dass Menschen so viel Wert auf ihr äußeres Erscheinungsbild legen, sei es Kleidung oder Frisur. Er findet Hände hässlich, genauso wie die externalisierten Sinnesorgane. Es ist total interessant, in eine außenstehende Perspektive zu schlüpfen, die den primitiven Menschen zunächst auf seinen Egoismus und seine Gewaltbereitschaft reduziert. Der Leser wird durch ebenjene außenstehende Sichtweise mit sich selbst als menschliches Wesen konfrontiert. Matt Haig untersucht, was den Menschen ausmacht, einschließlich aller Schmerzen, aber auch der Fähigkeit, Dinge zu genießen und zu lieben.

Die Nebencharaktere sind dabei nicht unbedingt bis ins kleinste Detail ausgestaltet. Dadurch wirken sie jedoch umso realer. Denn wer kann schon in einen anderen Menschen hineinblicken, vor allem, wenn es sich um eine fremdartige Spezies handelt? Das Buch ist aus der Ich-Perspektive des Protagonisten erzählt. Das, was man so über die wesentlichen Nebencharaktere erfährt, reicht vollkommen aus, um sich deren Vielschichtigkeit vorzustellen, sie zu verstehen und ins Herz zu schließen.

Ich kann das Buch jedem empfehlen, der Lust hat, sich auf humorvolle und berührende Art mit der Spezies Mensch auseinanderzusetzen und dabei sein eigenes Selbst zu reflektieren. Matt Haig spricht viele Dinge an und eröffnet Eindrücke, die einen auch nach dem Lesen weiter begleiten. Der Roman hat mir den Rücken gestärkt und meinen Weitblick geschärft.

Advertisements