Buch_MusikStilleBuchrezension.
Die Musik der Stille. Patrick Rothfuss. 2015. Originalausgabe 2014.

Auri lebt im Unterding. Es liegt tief verborgen zwischen Rohren und vergessenen Räumen. Ihr Heim befindet sich unter der Universität von Imre, fernab von dem lebhaften Treiben über ihr. Das Mädchen hat sich ihre eigene geheimnisvolle Welt erschaffen. Auri hat ein ganz eigenes Gespür für die Dinge um sie herum. Sie hat sich ihr eigenes Ordnungsgefüge erschaffen und sie weiß um die verborgenen Namen der Dinge.

„Du solltest dir dieses Buch vielleicht nicht kaufen.“ Mit diesem einladenden Satz beginnt Rothfuss seine Vorbemerkung zum Buch. Er rät dir lieber zu seinen Fantasybüchern Der Name des Windes und Die Furcht der Weisen, denn das sind seine Hauptwerke. Selbst wenn du diese bereits gelesen hast und die Welt kennst, in der Auri lebt, bleibt fraglich, ob dich dieses Buch begeistern kann. Der Autor entschädigt den möglicherweise unzufriedenen Leser deshalb gleich am Ende des Buches mit dessen Entstehungsgeschichte und seinen eigenen Bedenken. Denn er schreibt in seiner Nachbemerkung: „Eine Geschichte sollte Dialoge enthalten, eine Handlung, einen Konflikt. Eine Geschichte sollte mehr als nur eine einzige Figur haben. Ich habe eine dreißigtausend Worte lange Vignette geschrieben!“

Ich kann Rothfuss nur zustimmen. Die Geschichte rund um den Charakter Auri ist sehr sonderbar, sehr gewöhnungsbedürftig und anders als alles, was ich gewöhnlich von Romanen erwarte. Doch gerade das machte mich neugierig auf das Werk. Rothfuss hat hier ein wirklich liebevolles Portrait geschrieben und keine Geschichte. Denn als Geschichte hätte dieses Buch versagt.

Auch jetzt bin ich mir noch nicht darüber im Klaren, was ich von Die Musik der Stille halten soll. Ein Autor, der zu Beginn warnt und mich am Ende so sehr an seinen Zweifeln teilhaben lässt, verschafft mir eine ganz außergewöhnliche Beziehung zu dem Buch. Denn nicht nur über Auri erfährt man mehr, sondern auch über Rothfuss. Wenn man das jedoch böse auslegen wollte, könnte man auch sagen, dass könne ja jeder Autor mit einer schlechten Geschichte machen, um diese zu legitimieren.

Mir hat das Buch jedoch sehr gefallen. Es war ein Genuss und Entspannung pur, mich in diese seltsame Welt von Auri zu begeben. Ich kam mir vor wie ein stiller Beobachter, der wie Auri hinter die Oberfläche blicken kann. Hätte Auri von mir als Leser gewusst, hätte sie sich bestimmt panisch versteckt. Es ist so, als würde man etwas sehr Scheues und Seltenes zu Gesicht bekommen. Und wenn es schon keinen typischen Spannungsbogen gibt, so dürfen wir doch die täglichen Dramen und brenzligen Situationen miterleben, die eine ganz eigene Spannung entfalten. Wenn es schon keine Dialoge zwischen Charakteren gibt, so lässt sich immerhin sagen, dass Auri den Dingen Leben einhaucht und auf bezaubernde Weise mit ihnen Kontakt pflegt.

Das Buch lege ich jedem nahe, der mehr über die Rätsel und Geheimnisse rund um Auri erfahren und einmal ihre Sicht auf die Dinge annehmen möchte. Zu empfehlen ist es, Auri schon im Kontext der Königsmörder-Chronik erlebt zu haben. Wer jedoch etwas über die Hintergründe des Charakters erfahren möchte, wird sehr enttäuscht werden. Denn warum Auri so ist wie sie ist, erfahren wir leider nicht. Oder wie Rothfuss schreibt: „Diese Geschichte ist für all die leicht angeknacksten Leute da draußen. Ich bin einer von euch. Ihr seid nicht allein. Und in meinen Augen seid ihr alle schön.“

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