Buch_FrauRotTuchBuchrezension.
Die Frau mit dem roten Tuch. Jostein Gaarder. 2012. Originalausgabe 2008.

Als Studenten waren Solrun und Steinn ein Liebespaar, das oft spontane Ausflüge unternahm. Dann brachte ein rätselhafter Unfall die beiden auseinander: Wer war die geheimnisvolle Frau mit dem roten Halstuch? Ist sie ihnen wirklich erschienen? Erst dreißig Jahre nach dem Unfall treten sie wieder in Kontakt. Sie schreiben einander E-Mails, um sich über ihre Vergangenheit und ihre damals unversöhnlichen Positionen auszutauschen. Denn als Naturwissenschaftler hält Steinn nicht viel von schicksalhafter Fügung, während Solruns Empfinden nach nichts auf der Welt grundlos geschieht. Dabei hatten beide vor vielen Jahren einmal die gleichen Ansichten.

Oft sind Gaarders Werke durchzogen von phantastischen oder übernatürlichen Elementen, welche den Botschaften seiner Erzählungen auf mysteriöse Weise Nachdruck verleihen. Dieses Buch, so scheint es, lässt derlei Elemente zunächst vermissen. Doch je weiter die Auseinandersetzung mit den Themen Naturwissenschaft, Wahrheit, Traum, Intuition, Religion und Spiritualismus voranschreitet, um das vor dreißig Jahren Erlebte aufzuarbeiten, desto mehr drängt sich dieses unerklärliche Element subtil auf. Am Ende lässt uns das Buch, welches wohl zu Gaarders anspruchsvolleren Werken zählt, mit viel Deutungsspielraum zurück: Woran glaubst du?

Gaarder jedenfalls, verpflichtet sich am Ende weder dem naturwissenschaftlich-intuitiven Ansatz Steinns, noch dem religiös-spiritualistischen Ansatz Solruns. Er setzt sich kritisch mit unserer vom Materialismus geprägten Kultur auseinander. Er zeigt uns keine Lösung auf. Stattdessen teilt er uns mit, dass die Denkweise eines Menschen dessen Leben beeinflusst. Dass unbedingt Recht haben zu wollen bedeutet, sich voneinander abzuspalten oder Zweifel in der Denkweise des anderen zu sähen. Vielmehr lehrt uns Gaarder Respekt zu haben vor dem Glauben des anderen. Es gibt nicht den einen richtigen Glauben an die Welt. Es geht darum, sich einander anzunähern und die Sichtweise des anderen verstehen zu wollen und akzeptieren zu können. Denn gerade Toleranz ist es, die verschiedene Bevölkerungsgruppen aktuell mehr denn je brauchen. Gaarder findet damit Antworten auf drängende Fragen der Zeit. Das Buch hat mich persönlich sehr inspiriert.

Die typische Gaarder-Manier, Geschichten in Geschichten zu verpacken, bleibt auch in diesem Buch nicht aus. So ist das komplette Buch als eine Mailkorrespondenz strukturiert. Dabei werden mit Hilfe aktueller und vor allem vergangener Erlebnisse, Träume oder Gedanken mehrere Erzählebenen aufgebaut.

Wer ein anspruchsvolles Buch lesen möchte, dass über den üblichen Roman hinausgeht, dem kann ich das Buch nur empfehlen! Es widmet sich sachbuchartig den Fragen des Lebens, ohne ein Sachbuch zu sein.

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