buch_morgenleidertagBuchrezension.
Morgen ist leider auch noch ein Tag. Tobi Katze. 2015.

Die Depression schleicht sich unbemerkt bei Tobi ein. Er verlässt seine Wohnung tagsüber nicht und verbringt die meiste Zeit im Bett, während er sich zugleich daran stört, dass er eben nur im Bett liegt. Wenn er sich doch mal aufrafft, dann nur, um sich mit ausreichend Bier auf der nächstbesten Party zu betäuben. Sein Dauergrinsen, dass er dabei aufsetzt, versteckt gekonnt die Leere in seinem Inneren, damit niemand merkt, dass etwas ganz und gar nicht in Ordnung ist.

Der Schreibstil und die Stimmung dieses Buches haben mich sehr an Vollidiot von Tommy Jaud erinnert, so sehr, dass ich mich bei folgenden Gedanken ertappt habe: Was für ein Idiot ist das? Warum macht Tobi Katze nicht einfach etwas dagegen? Doch so einfach ist es nicht. Eine Depression ist eine ernste Krankheit, die einem versagt, einfach mal etwas zu tun. Warum gibt es Leser, die das Buch als zäh oder monoton beschreiben oder Leser, die das Buch gar nicht erst durchhalten? Die Antwort ist einfach: Wenn ein depressiv Erkrankter seine Krankheit wie ein Buch aus der Hand legen könnte, er würde es sicher tun!

Persönlicher und eindringlicher könnte Tobi Katze uns seine Depression und seine damit einhergehenden Gefühlszustände nicht nahebringen. Die Leser beschreiten den Weg durch die Krankheit gemeinsam mit Tobi, hinweg über tragische Ereignisse bis hin zur Reflexion, zu wachen sowie positiven Momenten. Sehr kompakt in Buchform erlebt man mit, was es heißt, dem Leidensdruck einer Depression ausgesetzt zu sein, ohne etwas dagegen ausrichten zu können. Am Ende kann man vielleicht nicht gänzlich verstehen, aber immerhin ein stückweit einschätzen wie sich eine Depression anfühlen muss.

Obwohl ich ein Fan von schwarzem Humor bin, trifft der Zynismus, der im Zusammenhang mit diesem Buch als Humor bezeichnet wird, nicht ganz meinen Geschmack. Es ist jedoch die individuelle Art des Autors, mit seiner Krankheit zurecht zu kommen, sodass ich diese Umgangsweise nur aufrichtig schätzen kann!

Wer eine allzu humorvolle und witzige Autobiografie zu einem gar nicht so witzigen Thema sucht, der sollte das Buch besser nicht lesen. Gleiches gilt für denjenigen, der eine sachlich ernste Aufklärung und damit eine Art Allgemeingültigkeit in Bezug auf das Thema erwartet.

Wen jedoch die individuelle und zynische Umgangsweise des Autors mit seiner Depression interessiert und hofft, diese Krankheit dabei tatsächlich nachempfinden zu können, dem kann ich das Buch mit einer eindeutigen Kaufempfehlung wärmstens ans Herz legen! Es trägt dazu bei, gesellschaftlich geprägte Vorurteile und Nichtwissen beiseite zu kehren. Denn den Betroffenen sollte man entgegenkommen, sodass sie weniger das Gefühl haben, sich für ihre Krankheit rechtfertigen zu müssen. Mal ehrlich: Wem macht man schon einen Virusinfekt zum Vorwurf?

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